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Forschung & Einblicke

Drei Stunden Papierkram für jede Stunde mit Patienten

5. Dezember 2025

Wie viel Zeit verbringen Assistenzärzte tatsächlich mit ihren Patienten?

Eine Zeit-und-Bewegungs-Studie, veröffentlicht in Annals of Internal Medicine, versuchte diese Frage mit objektiver Beobachtung statt Wahrnehmung zu beantworten. Durchgeführt in einem Schweizer Universitätsspital von Nathalie Wenger, Marie Méan, Julien Castioni und Kollegen, folgten die Forscher direkt Assistenzärzten der Inneren Medizin während Tag- und Abendschichten, um präzise zu quantifizieren, wie ihre Zeit aufgeteilt wurde.

Die Ergebnisse waren eindrücklich: Assistenzärzte verbrachten durchschnittlich 5,2 Stunden pro Tag mit administrativen Aufgaben, einschliesslich Dokumentation, Verwaltung der elektronischen Krankenakte, Austrittsbriefen und anderen indirekten Patientenversorgungsaktivitäten.

Im Gegensatz dazu verbrachten sie nur 1,7 Stunden pro Tag im direkten Kontakt mit Patienten.

Praktisch bedeutet dies, dass Assistenzärzte etwa dreimal mehr Zeit für Papierkram als für die Versorgung am Krankenbett aufwendeten.

Ein Spiegelbild der modernen Spitalmedizin

Diese Daten basierten nicht auf Selbstberichten oder Schätzungen. Beobachter zeichneten die Aktivitäten in Echtzeit auf und lieferten ein detailliertes und zuverlässiges Bild des täglichen Arbeitsablaufs. Das Ungleichgewicht war über alle Schichten hinweg konsistent, was darauf hindeutet, dass die administrative Last kein gelegentliches Hindernis ist, sondern ein strukturelles Merkmal der zeitgenössischen Spitalpraxis.

Während Dokumentation und Koordination für die sichere Versorgung unerlässlich sind, wirft das Ausmass der für diese Aufgaben aufgewendeten Zeit wichtige Fragen zur medizinischen Ausbildung auf. Die Assistenzzeit soll eine prägende Phase der klinischen Erfahrung, Entscheidungsfindung und Patienteninteraktion sein. Doch der Grossteil des Arbeitstages wird von computergestützten Aufgaben absorbiert.

Auswirkungen auf Ausbildung und Wohlbefinden

Die Studie hat weiterreichende Implikationen. Begrenzte Zeit am Krankenbett kann nicht nur das klinische Lernen beeinträchtigen, sondern auch die Qualität der Arzt-Patienten-Beziehung. Gleichzeitig trägt der anhaltende administrative Druck zu Müdigkeit und Unzufriedenheit bei — Faktoren, die eng mit Burnout verbunden sind.

Fast ein Jahrzehnt nach der Veröffentlichung bleiben die Daten hochaktuell. Da Gesundheitssysteme die regulatorischen Anforderungen und die digitale Dokumentation weiter ausbauen, bleibt die Kluft zwischen administrativer Arbeit und direkter Versorgung eine bestimmende Spannung in der Spitalmedizin.

Diese Schweizer Studie hat quantifiziert, was viele Assistenzärzte täglich erleben: Die moderne Ausbildung wird zunehmend nicht nur von Patienten, sondern von Papierkram geprägt.


Quelle: Annals of Internal Medicine