Zurück zum Blog
Forschung & Einblicke

Nur 10 % der Arbeitszeit von Notärzten wird mit Patienten verbracht, zeigt eine Studie aus Bordeaux

15. Mai 2025

Im kontrollierten Chaos einer Notaufnahme könnte man annehmen, dass Ärzte die meiste Zeit am Krankenbett verbringen — Patienten untersuchen, Entscheidungen treffen, dringende Versorgung leisten. Doch eine neue Beobachtungsstudie am Universitätsklinikum Bordeaux zeichnet ein ganz anderes Bild.

Laut einer 2023 abgeschlossenen Forschungsarbeit widmen Notärzte am CHU de Bordeaux im Durchschnitt nur 10 Prozent ihres Arbeitstages der direkten Patientenversorgung. Im Verlauf einer beobachteten Schicht von knapp 11,5 Stunden (692 Minuten) entspricht das etwa 72 Minuten im persönlichen Kontakt mit Patienten.

Der Rest des Tages wird von einem komplexen Netz indirekter klinischer Aufgaben beansprucht.

Die Studie, die über mehrere Wochen in der Notaufnahme von Pellegrin durchgeführt wurde, begleitete fünf Ärzte in verschiedenen Sektoren. Jede durchgeführte Tätigkeit wurde zeitlich erfasst und in vordefinierte Kategorien eingeordnet, was eine minutengenaue Rekonstruktion einer typischen Schicht ermöglichte.

Was sich ergab, ist das Porträt eines Berufs, der weniger von der Medizin am Krankenbett als von Kommunikation und Computerarbeit dominiert wird. Über alle Sektoren hinweg wurden 27 Prozent der Ärztezeit für die direkte Kommunikation mit anderen Gesundheitsfachkräften aufgewendet. Weitere 23 Prozent entfielen auf computergestützte Dokumentation und 16 Prozent auf Telefonate. Insgesamt wurden 73 Prozent der Arbeitszeit indirekten Versorgungsaktivitäten wie Dokumentation, Koordination und ärztlichen Übergaben zugewiesen.

Die Verteilung variierte je nach Abteilung, aber das Muster blieb konsistent: Die direkte Versorgung nahm selten mehr als einen Bruchteil der Schicht ein. In bestimmten Rollen, wie dem für Triage und Zuordnung zuständigen Arzt, sank die Zeit am Krankenbett auf nur 4 Prozent.

Über die reinen Zahlen hinaus hebt die Studie ein weiteres prägendes Merkmal der Notfallmedizin hervor: die ständige Unterbrechung. Telefonanrufe, Anfragen für Facharztmeinungen, Diskussionen über den Patientenfluss und die Suche nach stationären Betten unterbrechen laufende Aufgaben wiederholt. In einem dokumentierten Beispiel verging mehr als eine Stunde zwischen der Entscheidung, einen Patienten zu entlassen, und dem tatsächlichen Verlassen des Patienten — hauptsächlich aufgrund von Unterbrechungen und administrativen Verzögerungen.

Eine solche Fragmentierung verlangsamt nicht nur den Arbeitsablauf. Sie erhöht die kognitive Belastung, trägt zur mentalen Erschöpfung bei und kann sowohl die Sicherheit als auch die Versorgungsqualität beeinträchtigen. In einem Gesundheitssystem, das bereits durch steigende Nachfrage und begrenztes Personal belastet ist, werfen die Ergebnisse unbequeme Fragen darüber auf, wie medizinische Expertise eingesetzt wird.

Die Forschung legt nahe, dass einige der derzeit von Notärzten ausgeführten Aufgaben nicht zwingend eine medizinische Ausbildung erfordern und potenziell delegiert werden könnten. Technische Werkzeuge und menschliche Unterstützung, einschliesslich medizinischer Assistenten, werden als mögliche Wege vorgeschlagen, um klinische Zeit freizusetzen.

In einem Moment, in dem Notaufnahmen in ganz Frankreich mit Überfüllung und Personalengpässen konfrontiert sind, bieten die Daten eine ernüchternde Erinnerung: Moderne Notfallmedizin besteht ebenso sehr aus Systemmanagement wie aus der Behandlung von Patienten. Die Herausforderung liegt darin, diese Systeme so umzugestalten, dass Ärzte mehr Zeit dort verbringen können, wo sie am meisten gebraucht werden — am Krankenbett.


Quelle: Sciences du Vivant